Zeitreise ins Jahr 1515: Tag der Abrechnung

Zeitreise ins Jahr 1515: Tag der Abrechnung

Zeitreise ins Jahr 1515: Tag der Abrechnung

# Archivbeiträge

Zeitreise ins Jahr 1515: Tag der Abrechnung

Vor über 500 Jahren wurde in unserer Gemeinde bereits sorgfältig Buch geführt: In unserem umfangreichen Kirchenarchiv hat sich eine Originalurkunde aus dem Jahr 1515 erhalten – nur zwei Jahre vor dem Beginn der Reformation.

Dokument 775, Jahresabrechnung der Kirchenkasse,Seite 1, Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen

Bei der Übernahme des Dokuments in das Landeskirchliche Archiv im Jahr 2012 fertigte ein Freier Mitarbeiter eine Abschrift an:

Abschrift von Dokument 775, Jahresabrechnung der Kirchenkasse,Seite 1, Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen

Das Dokument ist eine Kirchenrechnung bzw. ein Hebe- und Rentenregister von 1515 aus dem Raum Bochum/Harpen. Es verzeichnet Einkünfte der Kirche: Geldzahlungen, Naturalabgaben (Getreide, Wachs), Schenkungen, Stiftungen und Verpflichtungen für Gottesdienste, Kerzen und Gedächtnismessen.

Inhaltliche Zusammenfassung

Das Register wurde am Peter-und-Paul-Tag (29. Juni) 1515 im Beisein des Pastors, Vikars und der Kirchspielsvertreter aufgenommen. Es hält fest:

  • In den vergangenen fünf Jahren wurden 70 Goldgulden aus Kirchengütern eingenommen.
  • Daneben bestehen noch ausstehende Geld- und Naturalabgaben.
  • Die Kirche besitzt oder nutzt zahlreiche kleine Landstücke und Wiesen.
  • Verschiedene Personen und Höfe leisten regelmäßige Abgaben:
    • Geld (Schilling, Pfennige)
    • Getreide (Scheffel, Malter)
    • Wachs für Kerzen
    • Roggensaat
  • Mehrere Personen stiften Land oder Einkünfte speziell:
    • für Kirchenbeleuchtung
    • für Hostien und Messwein
    • für Gedächtnismessen (Memorien) und Seelenmessen
  • Die Verwaltung erfolgt durch Pastor und Kirchenmeister.

Das Dokument zeigt sehr gut, dass eine spätmittelalterliche Kirche nicht nur religiöse, sondern auch eine wirtschaftliche Institution war – mit Grundstücken, Pachteinnahmen und Stiftungsvermögen.

Damit diese spannende Zeitreise leichter nachvollziehbar wird, hat die Historikerin Johanna Mues, M.A., das Dokument in die heutige Sprache übersetzt.


Seite 1:

Original
Mittelniederdeutsch
Übersetzung
Hochdeutsch
Anno domini dusent (vyff)hundert und vyffteyn gerechent (up sunt) Peters und Pauwels dage van allen verleden und vergangen jaren in bywesen uns pastoers heren Johan Scholemester, heren Diricks vicarius und heren Rutgers van Harpen und vort des semtlichen Rerspels, sodat in vif vergangen jaren angelacht syt und verovert van der kercken guede LXX golden gulden und noch restandt an gelde und karne, hyr na geschreven. Im Jahr des Herrn 1515 wurde am Tag der Heiligen Peter und Paul (29. Juni) von allen verflossenen und vergangenen Jahren im Beisein unseres Pastors Herrn Johan Scholemester (Johann Schulmeister), des Vikars Herrn Dirick und Herrn Rutger von Harpen sowie darüber hinaus der gesamten (Kirchenvorstands-) Versammlung/ Kirchspiels eine Abrechnung gemacht, mit dem Ergebnis dass in den fünf vergangenen Jahren 70 goldene Gulden von den Kirchengütern eingegangen und eingenommen sind und noch Geld- und Naturalienzahlungen ausstehen, hier nach aufgeschrieben.
Item in dat erste der kercken rente. Ferner, als erstes die Einkünfte der Kirche.
Item men bort jaerlix nit Trapmans guede to Boichem III ß (= schilling). Außerdem, man nimmt jährlich von Trapmans Gut in Bochum 3 Schilling ein.
Item Hinrick Hoene hevet under eyn stuck landes, doit II scheppell karns. Außerdem, Hinrick (Heinrich) Hoene gehört ein Stück Land, (von) dort (kommen) zwei Scheffel Getreide.
Item an deme Scherlesypen j (= ½) scheppelse landes doit j (= ½) sch. karns. Außerdem, ein halber Scheffel Land an dem Scherlesiepen, von dort ½ Scheffel Getreide.
Item by Grummen III sch. landes, doit III sch. karns. Außerdem, bei Grummen drei Scheffel Land, von dort drei Scheffel Getreide.
Item Hinrick Lutkendorp hevet gegeven to deme gelochte III sch. landes gelegen in der Hilden. Außerdem, gab Hinrick (Heinrich) Lutkendorp (Lütkendorf) an das Geläut (die Kirche??) drei Scheffel Land, gelegen in der Hilden.
Item van der Helken wischen gevet dey droite des jaers IIII ß (Schilling) Außerdem, von den Helken Wiesen gibt die Dritte jährlich vier Schilling.
Item van deme groten spicker op deme kerchhove des jaers XVIII ₰ Außerdem, vom großen Speicher auf dem Kirchhof jährlich 18 Pfennige.
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Seite 2:

Original
Mittelniederdeutsch
Übersetzung
Hochdeutsch
Item nyt Kokeuß huyß IIII ß. (schilling) Außerdem, von Kokeuß Haus vier Schilling.
Item Diderick (Be)yrman van beyden spickern XVIII ₰ Außerdem, Diderick (Dietrich) Beyrman (Beiermann/ Biermann) von beiden Speichern 18 Pfennig.
Item her Johan van Aldenboichem ritter hevet gegeven mit deme hove to Harpen dis jars eyn sch. roiffsades to deme geloichte. Außerdem, Herr Johann von Altenbochum, Ritter, hat zusammen mit dem Hof zu Harpen dieses Jahr einen Scheffel Roggensaat für die Beleuchtung gegeben.
Item by Karnharpen liggen III sch. landes hevet gegeven Schulte Evert to deme gelochte. Außerdem, bei Kornharpen liegen 3 Scheffel Land, die der Schulte Evert für die Beleuchtung gegeben hat.
Item her Johan vorsaeven hevet gegeven eyn stucke landes gelegen in Wernerfelde, dar bort men aff III sch. karns. Außerdem, Herr Johann Vorsaeven hat ein Stück Land, gelegen in Wernerfeld, gegeben, von da führt man drei Scheffel Getreide ab.
Item an deme Wartboyme leget eyn stucke doyt 1 malder karns. Außerdem, an dem Wartbaum liegt ein Stück (Land), (von) dort ein Malter Getreide.
Item vor deme gerterboyme leget eyn stucke landes doit II sch. karns Außerdem, vor dem Gerterbaum liegt ein Stück Land, (von) dort zwei Scheffel Getreide.
Item an deme Sunnenschine leget eyn wische doit 1 punt wasses. Außerdem, an dem Sonnenschein liegt eine Wiese, (von) dort ein Pfund Wachs.
Item nit Straitmans guede gevet des jaers 1 punt wasses. Außerdem, Straitmans Gut gibt im Jahr ein Pfund Wachs.
Item in der Weyrsbecke die Marckendick jarlix 2 punt wasses. Außerdem, in der Weyrsbecke (am Weiherbecken) gibt die Marckendick jährlich 2 Pfund Wachs.
Item an deme Holtrynge leget eyn kleyn stucke wischen doit j (½) punt was. Außerdem, an dem Holzring liegt ein kleines Stück Wiese, (von) dort ein halbes Pfund Wachs.
Item by den lemekulen by Cobpenkastorp leget 1 stucke landes doit eyn malder karns hebben gegeven her Johan van Aldenboichem und Evert van Wytten. Außerdem, bei den Lehmkuhlen bei Cobpenkastorp liegt ein Stück Land, (von) dort haben Herr Johann von Altenbochum und Evert von Witten einen Malter Getreide gegeben.
Item her Diderick gevet vor wyn und ostyen des jares IIII ß (schilling) Außerdem, Herr Diderick (Dietrich) gibt für Wein und Hostien in diesem Jahr vier Schilling.
Item die oerle brede doit die derde garve, die bort halff die kercke und die ander helffte die pastor; dar moit (…Zeile in der Fotografie abgeschnitten) Außerdem, die Örle Brede, von dort die dritte Garbe, die führt man zur Hälfte an die Kirche und zur anderen Hälfte an den Pastor ab;


Seite 3:

Original
Mittelniederdeutsch
Übersetzung
Hochdeutsch
Item van deme…in dar Gert to Gerte op wout gevet men to spyndegele des jares XVIII ₰ Außerdem, von dem … (Gut?) in der Gert bei Gerthe gibt man auf (wout?/ Datum?) als Spendengelder in diesem Jahr 18 Pfennig.
Item Rutger to Gerte gevet des jars IX ₰ op mytwynter to deme wyne, dar men die luede mede bericht. Außerdem, Rutger aus Gerthe gibt dieses Jahr neun Pfennig an Mittwinter für den Wein, mit dem man auch die Leute versorgt.
Item Hoemborch gevet to spyndegelde X ₰ Außerdem, Hoemborch gibt als Spendengelder zehn Pfennig
Item twe malder karns gekofft van gueden fronden nit Johan Detmers guede, dar men van stonde sall hal- den II kertzen dat jaer lanck. Außerdem, zwei Malter Getreide gekauft (im Sinne von gespendet/ geliefert?) von guten Freunden von Johan Detmers Gut, wovon man von Stund‘ an zwei Kerzen über das ganze Jahr (in der Kirche) halten soll.
Item gekofft van Herman tem Putte 1 malder karns. Außerdem, gekauft von Herman tem (tom) Putte 1 Malter Korn.
Item gekofft nit deme guede in den wyden van Johanne van Aldenboichem III j (= 3 ½) malder karns, des quemen to baten VI sch. die nit deme hove to Oystrick affgeloist worden, die Kerstygen Revesche gegeven hadde to deme noeneluden und dat ander der hilligen kercken. Außerdem, gekauft von dem Gut in den Weiden des Johann von Altenbochum, dreieinhalb Malter Korn, davon für das Beten des quemen (Amen?) 6 Scheffel, die von dem Hof in Oystrick abbezahlt wurden und die Kerstygen Revesche für das Nachmittagsläuten (Non) gegeben hatte, und der Rest für die heilige Kirche.
Item dryer maldersede landes ertydes gekofft van den Lutkendorpen und geloist myt gunste van Herman Wyschman to Herne deme gegeven X gulden, dar vor wort geloist 1 malder karns nit der Rodenberges molen, dat Kerstigen Revesche in die Kercke gege- ven hadde. Außerdem, drei nach dem Maltersmaß berechnete Ackerstücke früher gekauft von der Familie Lutkendorp und ausgelöst mit dem Wohlwollen von Herman Wyschman aus Herne, dem zehn Gulden gegeben wurden, dafür wurde   1 Malter Getreide aus der Rodenberger Mühle ausgelöst, den Kerstigen Revesche an die Kirche gegeben hatte.
Item Straetman to Korneharpen II sch. karns. Außerdem, Straetman aus Kornharpen zwei Scheffel Getreide.
Item Oisterman to Wymelhusen 1 malder Außerdem, Oisterman aus Wiemelhausen einen Malter.
Item Evert Wortman to Wernen II malder. Außerdem, Evert Wortman aus Werne zwei Malter.
Item gekofft in deme Norenberge van heren Johanne van Halvere ousen pastoer vyff malder karns, die
der hilligen kercken gegeven myt underschide, dat
dey kerckmester ter tydt des jars dar van sullen laten halden eyn memorie myt vigilen, selemyssen, Außerdem, fünf Malter Getreide gekauft in Nürnberg?/ zu Norenberg von Herrn Johann van Halvere, unserem Pastor, die der heiligen Kirche mit dem Unterschied gegeben wurden, dass die Kirchenmeister zu einer Zeit im Jahr davon eine Memorie (für den Pastor) mit Vigilen und Seelenmessen halten lassen sollen,


Seite 4:

Original
Mittelniederdeutsch
Übersetzung
Hochdeutsch
jder enen XII ₰ und deme roster VI ₰, dat ander to baten
der hilligen kercken; item worde dat selve karn affge-
loist sal men dat gelt weder anleggen an gewysse rente, dat dey memorie nycht vergetten werde, dat also gelovet und verse-
gelt is van pastoer und kerckmesteren myt namen: her Jo-
han Schoelemester pastoer, Rutger to Gerte und Herman Neder-
hoff Kerckmestere. (…) und dafür jedem von ihnen 12 Pfennige sowie dem Küster? 6 Pfennige gegeben werde, der Rest soll für Gebete der heiligen Kirche gehören; außerdem, wird dasselbe Getreide ausgelöst, soll man das Geld wieder in einer sicheren Rente anlegen, dass die Memorie nicht vergessen werde, dies also ist gelobt und besiegelt vom Pastor und den Kirchenmeistern mit Namen: Herr Johan Schoelemester Pastor, Rutger aus Gerte und Herman Nederhoff Kirchenmeister.   (…)

Erklärung der mittelalterlichen Begriffe

Begriff

Bedeutung

Pastor Pfarrer einer Kirchengemeinde
Vicarius Vikar, Stellvertreter des Pfarrers
Kirchspiel (Rerspel) Gebiet einer Pfarrei mit mehreren Dörfern
Kerckmester Kirchenmeister; verwaltete Besitz und Finanzen
Gelochte / geloichte wahrscheinlich Kirchenbeleuchtung oder Geläutstiftung
Spicker Speicher/Getreidescheune
Hove Hofgut
Schulte Dorfvorsteher oder Verwalter eines Hofes
Markendick gemeinschaftlicher Grenz- oder Markenwall
Wische Wiese
Memorie Stiftung für regelmäßige Totengedächtnisse
Vigilien Nachtgebete für Verstorbene
Seelenmesse Messe für Verstorbene
Ostyen Hostien
Spyndegeld Armen- oder Versorgungsgeld
derde garve „dritte Garbe“; Abgabe eines Anteils der Ernte
Mittwinter Winterfestzeit um Weihnachten

Mittelalterliche Maße und Währungen

Die Maße waren regional verschieden. Für den Bochumer Raum kann man nur Näherungen angeben.

Maß

Bedeutung

heutige Größe ungefähr

Scheffel (sch.) Hohlmaß für Getreide ca. 50–60 Liter
Malter größeres Getreidemaß ca. 6–12 Scheffel (300–700 Liter)
Pfund Wachs Gewicht ca. 467–500 g
Schilling (ß) Münze/Recheneinheit etwa 12 Pfennige
Pfennig (₰) Kleinmünze Grundmünze
Goldgulden hochwertige Goldmünze erhebliche Kaufkraft

Zum Vergleich:

70 Goldgulden könnten ungefähr dem Wert von mehreren Ochsen oder mehreren Jahren Einkommen eines einfachen Arbeiters entsprochen haben.


Familiennamen: Herkunft und heutige Verbreitung

Viele Namen sind Hof- oder Herkunftsnamen, keine festen Familiennamen im modernen Sinn.

Harpen

van Harpen

  • bedeutet: „aus Harpen“
  • Ortsname existiert heute als Bochumer Stadtteil

Lutkendorp

  • „lütke“ = klein
  • „Dorp“ = Dorf
  • bedeutet: „Kleindorf“
  • Varianten:
    • Lütkendorp
    • Lütkendorf
  • heute noch als Familienname vorhanden

Hoene

  • vermutlich aus:
    • Hohn/Höne
    • Höhenlage
    • eventuell Hofname
  • Varianten:
    • Höne
    • Hönemann

Beyrman / Beiermann

  • ursprünglich:
    • Bewohner aus Bayern („Beier“)
    • oder Bierbrauer/Bierhändler
  • heutige Formen:
    • Beiermann
    • Biermann

Straetman

  • „Straßenmann“
  • jemand, der an einer Straße lebte
  • heute:
    • Stratmann
    • Strathmann

Wortman

  • möglicherweise:
    • Wortmann
    • Hofsprecher oder Verwalter

Nederhoff

  • „niederer Hof“
  • heutige Form:
    • Niederhoff

tem Putte

  • „am Brunnen“
  • heutige Form:
    • Tomputte
    • Tom Putte


Ortsnamen und ihre Bedeutung

Im Dokument erscheinen zahlreiche Orte, die heute im Bochumer Stadtgebiet oder der Umgebung erhalten sind.

  • Bochum
    • im Dokument: Boichem, Aldenboichem
    • „Altenbochum“ = alter Siedlungskern
  • Gerthe
    • im Dokument: Gerte
    • sehr alter Ortsname
  • Werne
    • im Dokument: Wernen
  • Wiemelhausen
    • im Dokument: Wymelhusen
    • „-husen“ = Häuser/Siedlung
  • Herne
    • erscheint bereits als bedeutender Ort
  • Kornharpen:
    • heute Stadtteil von Bochum
    • „Harpen der Kornbauern“
  • Oystrick → Oestrich
    • vermutlich heutiger Ortsteilname



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